Die Telegrafenstation Nr. 44 in Veserde bei Wiblingwerde und ihre Nachbarstationen
Im Zeitalter modernster Nachrichtenübermittlungen können wir es uns kaum vorstellen, dass auch bei uns bis 1834 die schnellste Möglichkeit der Weitergabe von eiligen Nachrichten die fahrende oder reitende Post darstellte. Den staatlichen Stellen standen damals die auch nicht erheblich schnelleren aber sehr kostspieligen Kuriere und Staffetten zur Verfügung. Lange Voruntersuchungen und Verhandlungen waren vorausgegangen, als sich die preußische Regierung in Berlin erst relativ spät im Jahre 1832 zum Bau einer optisch-mechanischen Telegrafenlinie von Berlin nach Koblenz entschloss. Am 21. Juli 1832 ordnete König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Bau dieser optischen Telegrafenlinie an, die Berlin und den Generalstab Preußens mit dem Oberpräsidenten und dem Militärbefehlshaber der Rheinprovinz verbinden sollte. Entscheidend für die Einrichtung dieser Telegrafenlinie waren daher nicht zivile Versorgungsbedürfnisse, sondern ausschließlich kriegs-, innen-, außen- und verwaltungspolitische Notwendigkeiten, insbesondere der Gesichtspunkt der militärstrategischen Verwendungsmöglichkeiten.
Im Hintergrund stand die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen mit Frankreich. Mit dieser Nachrichtenverbindung wollte man sich über die Lage an der Westgrenze Preußens schneller informieren können.
[Wie aus der abgebildeten Übersichtskarte hervorgeht], führte die Nachrichtenverbindung über 550 km von Berlin über Magdeburg, Braunschweig, Höxter, Paderborn, Soest, Werl, Menden, Iserlohn, Wiblingwerde, Radevormwald, Köln und Siegburg nach Koblenz bzw. zum Teil an den vorgenannten Städten vorbei. Bevor die für uns besonders interessante Telegrafenstation in Veserde bei Wiblingwerde und die benachbarten Stationen beschrieben werden, soll nachstehend kurz das Telegrafensystem vorgestellt werden, nach dem auch die hiesigen Telegrafenstationen betrieben wurden. Das "ganze Geheimnis" der bei ihrem Bau im Jahre 1832 sensationellen Nachrichtenverbindung bestand darin, dass insgesamt 61 neu zu erbauende Gebäude oder vorhandene Häuser und Kirchen an dieser Strecke in exponierte Lage, möglichst auf Anhöhen oder Bergen gelegen, jeweils in einer Entfernung von mindestens 7,5 km bis höchstens 15 km, durchschnittlich 11,3 km, mit dem östlichen und westlichen Nachbarn Sichtverbindung hatten. Jede Station war mit einem Signalmasten ausgerüstet. Mit Fernrohren, die meist in Mauerschlitzen eingebaut waren, mussten von den Telegrafisten ständig die Nachbarstationen beobachtet werden. Das einzige noch erhaltene Fernrohr stammt übrigens aus der Nachbarstation Breckerfeld und kann im Bundespostmuseum in Frankfurt am Main besichtigt werden (Länge: 76,5 cm, 60 mm Durchmesser, 40- bis 60fache Vergrößerung).
Den in jeder Telegrafenstation diensttuenden zwei Telegrafisten war die Aufgabenteilung insbesondere hinsichtlich Beobachten der Nachbarstationen mit dem Fernrohr, Weitergabe der Zeichen und Eintragung in das Journal genauestens vorgeschrieben. Das preußische Signalsystem folgte weitgehend der Telegrafiermethode von B.L. Watson, wonach 4.095 verschiedene Zeichen signalisiert werden konnte. Zur Telegrafiergeschwindigkeit ist bekannt, dass kurze Nachrichten nur 5 bis 10 Minuten von Berlin nach Köln und längere Depeschen für diese Strecke zwei bis drei Stunden benötigt haben. Bei der Bewertung der Telegrafiergeschwindigkeit ist zu berücksichtigen, dass an der Übermittlung einer jeden Nachricht von Berlin nach Koblenz 61 Telegrafenstationen mit 122 Telegrafisten beteiligt waren. Technische Hindernisse, wie z.B. Witterungseinflüsse durch Nebel, Regen, Schnee, hitzebedingtes Flimmern der Luft, Schwankungen der Signalmasten bei starkem Wind und vor allem Dunkelheit konnten die Verbindung oft unerwünscht lange unterbrechen. Das in den Telegrafenstationen eingesetzte Personal rekrutierte sich überwiegend aus altgedienten Unteroffizieren und anderen versorgungs- oder anstellungsberechtigten Militärpersonen. Die zahlreichen Bewerber für diese Tätigkeit mussten Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen, benötigten gute Zeugnisse, waren zur unbedingten Verschwiegenheit verpflichtet und unterstanden einer strengen Militärgerichtsbarkeit. Neben einem guten Gehalt genossen die Telegrafisten als großen wirtschaftlichen Vorteil, dass ihnen in den Stationsgebäuden Räumlichkeiten als Wohnung für einen Jahresmietbetrag von nur 5 % ihres Jahresgehaltes überlassen wurden. Ein Obertelegrafist verdiente 300, sein Gehilfe 200 Taler im Jahr, zuzüglich Heizungs- und Lichtzuschüsse. Zur gleichen Zeit verdiente ein Lehrer jährlich nur 65 Taler.
Der Bau der Telegrafenlinie Berlin-Koblenz wurde im Juli 1832, also genau vor 152 Jahren mit der Einrichtung der Station 1 im fünfstöckigen Gebäude der alten Sternwarte in der Dorotheenstraße in Berlin begonnen und im September 1833 mit der Einrichtung der 61. Telegrafenstation auf dem Südpavillon des Schlosses in Koblenz fertiggestellt.
Im Rahmen dieser Veröffentlichung interessiert besonders die Station 44, die auf der Berghöhe in Veserde bei Wiblingwerde lag. Dort wurde auf dem 445 m hohen Viehkopf, auf einem 550 qm großen Grundstück, umgeben von Ackerland, die Telegrafenstation errichtet. Vorausgesetzt die Witterung war entsprechend, bestand gute Sichtverbindung zu den benachbarten Telegrafenstationen in Iserlohn auf dem Fröndenberg (Nr. 43) und Breckerfeld (Nr. 45). Auch in Veserde wurde auf einsamer Höhe über 15 Jahre gewissenhaft Telegrafendienst im Auftrag der preußischen Regierung verrichtet. Die Telegrafentechnik beruhte auch hier auf dem Prinzip, dass auf dem Telegrafenturm ein runder Mast aus Fichtenholz stand, der bewegliche Flügel besaß. Diese Flügel, die mit den heute noch verwendeten Signalen der Bundesbahn vergleichbar sind, wurden im Bedarfsfall von den beiden diensttuenden Telegrafisten, die sich in dem darunterliegenden "Beobachtungszimmer" aufhielten, in die vorgeschriebenen Signalstellungen gebracht. Bevor die empfangenen und weiterzugebenden Zeichen gesendet wurden, musste der Mast in die zu telegrafierende Richtung (Iserlohn/Berlin oder Breckerfeld/Koblenz) gedreht werden.
Es darf davon ausgegangen werden, dass Witterungseinflüsse auf den Höhen von Wiblingwerde häufig ursächlich waren, für eine unerwünschte Unterbrechung der Nachrichtenübermittlung.
Nach Stilllegung der Telegrafenlinie erwarb der frühere Eigentümer Friedrich Holzrichter im Juni 1850 das Haus mit Grundstück zu einem Preis von 165 Talern, da er bereits Eigentümer des 300 Morgen großen Ackerlandes war, das die Telegrafenstation umgab. Auch dieses Haus erlebte anschließend eine wechselvolle Geschichte. In den 80er Jahren mietete die Schulgemeinde zunächst das ehemalige Stationsgebäude an, nutzte es nach dem Umbau als einklassige Volksschule und erwarb es sodann 1887 für 5 100 Mark. Bei einem weiteren Umbau wurde der auf der Nordseite gelegene Turm leider abgerissen und das Haus zu dieser Stelle hin gleichzeitig um eine Hauslänge erweitert. Bis 1899 diente das Gebäude noch als Schule, wurde sodann wieder als Wohnhaus genutzt und 1900 von der Familie Woitkowski erworben, die auch heute noch Eigentümerin ist. Im 2. Weltkrieg erlebte das Haus eine Renaissance, indem die deutsche Wehrmacht dort eine Beobachtungsstation unterhielt. 1945 war das Gebäude kurzfristig durch eine amerikanische Einheit besetzt. Nach weiteren Umbaumaßnahmen gibt es auch hier heute leider nur noch geringfügige Hinweise, die auf das frühere Aussehen und die Funktion hinweisen.
Nun ein Blick auf die Nachbarstationen: Benachbarte westliche Station für Veserde war die Telegrafenstation 45 in Breckerfeld, die an der Chaussee zwischen Breckerfeld und Halver, etwa 1 km vom Ortsausgang Breckerfeld entfernt, auf dem 442 m hohen Wengeberg errichtet wurde. Wegen der Stadtnähe von Breckerfeld wurde hier kein Wohnhaus errichtet, sondern im Kellergeschoss nur ein Aufenthaltsraum mit Übernachtungsmöglichkeiten für die Telegrafisten.
In östlicher Richtung war die Station 43 signalgebende und –empfangende Nachbarstation, die laut Beschreibung der im Bundespostmuseum aufbewahrten Zeichnung "auf dem Fröhndenberge südlich von Iserlohn" lag.
Das benötigte Bauland für die Station mit einer Fläche von 1050 qm wurde wegen geringer Ertragsfähigkeit dem Staat von der Iserlohner Bürgerschaft unentgeltlich überlassen. Die dort erbaute Station bestand außen aus Bruchstein mit Kalkmörtel, im Innern aus Fachwerk mit Ziegelsteinmauerung. Das Dach, die Südfront und der für die Telegrafenstation wichtige zweistöckige Turm, der an der einzigen Giebelseite des Wohnhauses stand, waren mit Schiefer verkleidet. Die im Gebäude vorhandenen Wohnräume teilten sich die Familien der beiden Telegrafisten. Der Dienstbetrieb verlief auch hier nach der vorstehenden Darstellung.
Nach Ausbruch der Revolutionsunruhen in Iserlohn im Jahre 1849 wurde die Telegrafenstation für die Aufständischen bald sehr unbeliebt. Uhlmann-Bixterheide berichtet in seiner "Chronika von Iserleaun", dass die Aufständischen die Station für einen Verräter hielten und diesen schnell "um die Ecke bringen" wollten.
Tatsächlich stiegen laut Bericht von Uhlmann-Bixterheide Mitte Mai 1849, abends gegen 22.00 Uhr, "40 bis 50 Kerle mit Flinten auf den Berg", forderten den Obertelegrafisten auf, die Flügel des Telegrafen abzuschneiden und den Mast abzusägen. Der Chronist schreibt, dass der Beamte durch Ruhe und scheinbares Entgegenkommen den Masten gerettet haben soll. Die Aufständischen rissen jedoch die Flügel und was dazu gehörte ab, nahmen die Teile mit und warfen sie am Fuße des Fröndenberges in einen Teich. Als die Telegrafenlinie von den Aufständischen in Iserlohn unterbrochen wurde, konnte bereits auf sie verzichtet werden, weil im Jahre 1849 die große elektrische Überlandlinie Berlin-Köln-Aachen fertiggestellt wurde. Im Regierungsbezirk Arnsberg befand sich an dieser Linie jedoch nur die Station Hamm.
Mit der Auflösung der optischen Telegrafie musste das unentgeltlich überlassene Grundstück der Bürgerschaft gemäß Auflage bei der Überlassung an den Staat wieder zurückgegeben werden. Für das aufstehende und inzwischen schadhafte Gebäude, an dem die Stadt zu dem 1850 von der Regierung verlangten Taxpreis von 510 Talern nicht interessiert war, ging schließlich bei einer wiederholt angesetzten Versteigerung an den Ratsherrn Redicker für das Meistgebot von 126 Talern zur Nutzung als Försterwohnung.
Das Haus diente sodann jahrelang einem Waldwärter als Wohnung. Das heutige Forsthaus Telegraf und der zweistöckige Turm ist – abgesehen von einigen baulichen Veränderungen – die alte Telegrafenstation Nr. 43, so dass dieses Telegrafengebäude eines der wenigen dieser Bauart sein dürfte, das noch in seinem Ursprung zu etwa 80 % erhalten ist.
Die Bestrebungen, diese noch weitgehend erhaltene technische Einrichtung einer damals revolutionierenden Kommunikationskette nicht nur als technisches Denkmal zu erhalten, sondern wieder funktionsfähig zu restaurieren, verdiente daher insbesondere im Rahmen der Denkmalpflege und der z.Zt. laufenden "5-Minuten-vor-12-Aktion Rettet die technischen Denkmäler im Märkischen Kreis" ein größeres Echo.
Im Jahre 1908/09 wurde in unmittelbaren baulichen Anschluss an den die ehemalige Telegrafenstation zu Ehren des um Iserlohn verdient gewordenen Professor Danz der Danzturm als Aussichtsturm errichtet. Neben dem mächtigen Danzturm auf dem Fröndenberg, der noch heute als Telegrafenberg bekannt ist, wirkt die ehemalige Telegrafenstation in Iserlohn leider nur klein und bedeutungslos.
Die dritte im jetzigen Kreis gelegene Telegrafenstation befand sich in Menden-Schwitten auf dem Noltenkopf und wurde unter der Stations-Nr. 42 geführt. Der fast 16 m hohe Turm besaß fünf Stockwerke und war damit der höchste Stationsturm der Telegrafenlinie Berlin-Koblenz. Da der Turm auf einer von bewaldeten Hügeln umgebenen Anhöhe lag, musste der Turm auf fünf Stockwerke hochgezogen werden, damit Mastbaum und Indikatoren von den Nachbarstationen Iserlohn und Höingen (Nr. 41) ohne Hintergrund erschienen und so ihre Konturen besser erkennbar waren. Die [abgebildete] stilisierte Zeichnung eines Telegrafenboten und der Telegrafeninspektors mit der Telegrafenstation in Menden-Schwitten im Hintergrund lässt das hohe Gebäude leider nur schwach erkennen.
Nach Auflösung der Telegrafenlinie wurde das im Wald gelegene und über einen öffentlichen Weg nicht erreichbare Gebäude mit der Auflage des Abbruchs zum Höchstgebot von 135 Talern an den Vorsteher Goecke aus Oesbern versteigert. Der damalige Landrat in Iserlohn hatte der königlichen Regierung in Arnsberg diesen Abbruchvorschlag unterbreitet, da er befürchtete, dass das unzugänglich gelegene Gebäude leicht zu einer möglichen Zufluchtsstätte für Kriminelle werden könnte.
Somit ist auch dieser Zeuge eines interessanten Bereiches der Technikgeschichte in unserem Heimatkreis nicht der Nachwelt erhalten geblieben, der eine wertvolle Bereicherung der "Straße der Technischen Kulturdenkmäler im Märkischen Kreis", hätte darstellen können. Auch die vorher erwähnte Nachbarstation von Menden-Schwitten in Höingen musste 1972 dem Neubau eines Zweifamilienhauses weichen; dort erinnert heute nur noch der Straßenname "Am Telegraph" an die ehemalige Station.
Abschließend sei nur noch erwähnt, dass 1849 der sogen. "elektromagnetische Telegraph" in Preußen den optischen Telegrafen verdrängte. Am 11. August 1858 wurde die erste Telegrafenstation in Iserlohn im damaligen Pluggeschen Haus eingerichtet. Am 1. November 1864 wurde Iserlohn Telegrafenstation II. Klasse, wodurch der bis dahin aufzubringende städtische Zuschuss entfiel. 12 Jahre später wurden Post und Telegraf verbunden und die Telegrafenstation siedelte in das alte Postamt in der Hagener Straße über.
Heinz Störing
, aus Nachrodt-Wiblingwerde, Beiträge zur Heimat- und Landeskunde, Heimatbund Märkischer Kreis, 1984, mit weiteren Nachweisen